Die evangelische Kirche in Götzenhain hat am Wochenende ihr 250-jähriges Bestehen gefeiert. Rund um das Gotteshaus kamen zahlreiche Besucher zu einem Festgottesdienst, einer akademischen Feier und dem traditionellen Dorfbrunnenfest zusammen. Im Mittelpunkt stand dabei nicht nur die Geschichte des Gebäudes, sondern auch die Frage, warum eine Gemeinde nach einer Katastrophe ausgerechnet ihre Kirche mit solcher Entschlossenheit wieder aufbaut.
Denn genau das geschah im Jahr 1775. Nachdem ein Wirbelsturm die alte Kirche zerstört hatte, legten die Götzenhainer bereits wenige Monate später den Grundstein für einen Neubau. Schon an Weihnachten 1776 wurde dort wieder Gottesdienst gefeiert. An diese Geschichte erinnerte die Kirchengemeinde nun mit einem Jubiläumswochenende.
Festgottesdienst mit Blick auf die Gegenwart
Höhepunkt der Feierlichkeiten war ein Festgottesdienst mit der stellvertretenden Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Ulrike Scherf. Sie deutete die Entscheidung der Götzenhainer von damals nicht nur historisch, sondern auch mit Blick auf die Gegenwart. Kirchen seien „Anders-Orte“, sagte sie. Orte, an denen andere Maßstäbe gelten als im Alltag. Orte, an denen Menschen zur Ruhe kommen, Lasten teilen und neue Kraft schöpfen können.
Ausgehend von den Worten Jesu „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ sprach Scherf über Orientierung, Entlastung und die Erfahrung, Belastungen nicht allein tragen zu müssen. Die Menschen in Götzenhain hätten vor 250 Jahren nicht einfach ein beschädigtes Gebäude ersetzt, sondern einen Ort zurückhaben wollen, an dem Hoffnung und Gemeinschaft wachsen können. „Menschen leben nicht nur von dem, was sie haben, sondern von Hoffnung und Gemeinschaft, Glauben und Vertrauen darauf, dass Gott sie begleitet und trägt“, sagte Scherf. Kirchen seien deshalb keine bloßen Zweckbauten, sondern Orte, an denen Menschen erfahren: „Ich bin nicht allein.“
Musikalisch wurde der Gottesdienst von mehreren Gruppen gestaltet, darunter der Posaunenchor Götzenhain, die Gemeindeband „Colours of Life“, der Evangelische Projektchor Dreieich und Gabriele Urbanski an der Orgel. Zum Abschluss erklang eine zusätzliche Jubiläumsstrophe zur „Ode an die Freude“, in der die Kirche als „Gottes Haus für Alt und Jung“ gewürdigt wurde.
Grußworte aus Kirche, Stadt und Gemeinde
In den anschließenden Grußworten wurde die Bedeutung der Kirche aus unterschiedlichen Perspektiven hervorgehoben. Synodenpräses Dr. Michael Grevel verglich Kirche mit einem Marathonlauf, der Ausdauer, Hoffnung und die Bereitschaft zum Weitergehen brauche, „denn wir sind noch nicht am Ziel“. Dreieichs Bürgermeister Martin Burlon dankte der Kirchengemeinde für ihr kulturelles, soziales und geistliches Engagement und bezeichnete sie als offenen, kreativen und lebendigen Teil des städtischen Gemeinwesens.
Auch Marina Engel, Leiterin der evangelischen Kita, betonte die Bedeutung der Kirche als Erfahrungsraum für Kinder. Glaube beginne nicht erst im Erwachsenenalter, sondern werde schon im frühen Leben beim Staunen, Entdecken, Trösten und Danken erfahrbar, „auch und gerade in dieser Kirche“. Weitere Glückwünsche kamen von der früheren Gemeindepfarrerin Martina Schefzyk und von der katholischen Schwestergemeinde St. Marien.
Nach dem Gottesdienst verlagerte sich das Fest auf den Kirchplatz und in die Gemeinderäume. Dort wurde deutlich, dass die Kirche nicht allein von ihrer Geschichte lebt, sondern von den Menschen, die sie tragen.
Ein Sturm verändert das Dorf
Schon am Freitagabend hatte Holger Dechert, langjähriger Kirchenvorsteher und Erster Stadtrat, bei einem Festvortrag die Geschichte von Kirche und Ort nachgezeichnet. Dabei spannte er den Bogen weit über die 250 Jahre des heutigen Gebäudes hinaus. Er erinnerte an konfessionelle Konflikte nach der Reformation, an verschlossene Kirchen, verhaftete Pfarrer und Zeiten, in denen Gottesdienste verhindert wurden. Ein reformierter Geistlicher habe einmal vor leeren Bänken gepredigt, weil die Götzenhainer lieber in lutherische Nachbarorte gingen. Ein anderer habe berichtet, dass die Kirche zeitweise sogar als Heu- und Strohlager diente.
Den tiefsten Einschnitt brachte jedoch das Jahr 1774. Ein Sturmwirbelwind verwüstete fast das gesamte Dorf, deckte Häuser ab, ließ Gebäude einstürzen und zerstörte mehr als tausend Obstbäume. Auch die Kirche wurde so schwer beschädigt, dass sie abgerissen werden musste. Übergangsweise fanden die Gottesdienste in einem Brauhaus statt, während die Glocken weiterhin vom alten Turm läuteten.
Doch die Gemeinde verlor keine Zeit. Bereits am 20. März 1775 wurde der Grundstein für die neue Kirche gelegt. Dass die Götzenhainer inmitten von Not und Zerstörung gerade diesen Bau so schnell wieder in Angriff nahmen, zog sich wie ein Leitmotiv durch das gesamte Jubiläumswochenende.
Kuriose Einblicke in den Kirchenalltag
Neben den großen Linien der Geschichte gab es auch heitere Episoden. So geht die Götzenhainer Kerb nach Decherts Darstellung vermutlich auf den Weihetag der mittelalterlichen Vorgängerkirche zurück und dürfte inzwischen mehr als 600 Jahre alt sein. In der neuen Kirche hatte ursprünglich nahezu jeder Einwohner einen fest zugewiesenen Platz. Männer, Frauen, Töchter und Burschen saßen streng getrennt, die Sitzordnung spiegelte die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit.
Auch die Pfarrer blieben nicht von Regulierung verschont. Als die Kirche 1930 renoviert wurde, erhielt die Kanzel einen Sanduhrhalter. Er sollte verhindern, dass Predigten zu lang ausfielen. Die Sanduhr selbst ist verschwunden, die Geschichte darüber blieb.
Kirche als Mittelpunkt des Ortes
Wie eng Kirche und Dorfleben weiterhin verbunden sind, zeigte das Dorfbrunnenfest am Samstag. Rund um den Kirchplatz kamen Vereine, Gruppen und zahlreiche Gäste zusammen. Die Kirchengemeinde war mit einem eigenen Stand vertreten, besonders gefragt war ein eigens zum Jubiläum kreierter „Fest-Sprizz“.
Feuerwehr, Vereine, Initiativen und Gemeinde gestalteten das Wochenende gemeinsam. Die Kirche war dabei nicht bloß Kulisse, sondern Mittelpunkt eines Festes, das Geschichte und Gegenwart zusammenführte. Gerade darin lag die Botschaft des Jubiläums: Dass dieses Gebäude für Götzenhain bis heute mehr ist als ein historisches Bauwerk. Es ist ein Ort, den das Dorf offenbar nie verlieren wollte.
















