Der Obertshausener Lederwarenhersteller Picard befindet sich in erneuten wirtschaftlichen Schwierigkeiten und hat Mitte Juni für zwei operative Gesellschaften ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet. Wie das Unternehmen mitteilt, hat das zuständige Amtsgericht in Offenbach den entsprechenden Anträgen der Picard Lederwaren GmbH & Co. KG sowie der Picard Leathergoods Retail GmbH & Co. KG inzwischen stattgegeben. Das im Jahr 1928 gegründete und bis heute in Familienbesitz befindliche Unternehmen strebt mit diesem Schritt an, die eigene finanzielle und operative Struktur zu stabilisieren sowie den Betrieb an die veränderten Marktbedingungen anzupassen. Nach den aktuellen Planungen der Geschäftsleitung soll das Sanierungsverfahren im Herbst des Jahres 2026 abgeschlossen sein.
Löhne und Gehälter der Beschäftigten sind vorerst gesichert
Für die Kundschaft, Lieferanten und Handelspartner ergeben sich aus dem juristischen Schritt zunächst keine Einschränkungen im Tagesgeschäft. Sämtliche Aktivitäten im Geschäftsbetrieb werden nach Angaben des Herstellers unverändert fortgeführt. Dies umfasst den Verkauf im firmeneigenen Online-Shop, den Outlet-Store am Stammsitz in Obertshausen sowie die Filialen an den Flughäfen in Frankfurt am Main und München. Auch der stationäre Fachhandel und die Kaufhäuser sollen weiterhin regulär mit Waren beliefert werden. Auch für die rund 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat das Verfahren zunächst keine direkten Auswirkungen, da die bestehenden Arbeitsplätze erhalten bleiben und die Lohn- und Gehaltszahlungen vorerst gesichert sind.
Schwache Konsumstimmung im Handel als Auslöser für die Krise
Als Hauptgrund für die finanzielle Schieflage nennt das Unternehmen eine anhaltend schwache Konsumstimmung bei den Verbrauchern. Die wirtschaftliche Unsicherheit sorge sowohl in Deutschland als auch auf den internationalen Märkten für eine spürbare Kaufzurückhaltung im Bereich der Mode- und Lederwaren. Neben der verhaltenen Nachfrage belasten steigende Kosten sowie ein intensiver Wettbewerbsdruck den Betrieb in Obertshausen und die gesamte Branche. Durch das Verfahren in Eigenverwaltung versucht der Lederwarenhersteller nun, auf diese Rahmenbedingungen frühzeitig zu reagieren und den operativen Betrieb aufrechtzuerhalten.
Externe Experten unterstützen die Geschäftsführung im Sanierungsprozess
Im Gegensatz zu einem regulären Insolvenzverfahren bleibt die bisherige Geschäftsführung bei einer Eigenverwaltung im Amt und leitet den notwendigen Restrukturierungsprozess selbst. Hierbei erhält die Führungsebene fachliche Unterstützung durch externe Spezialisten. Holger Rhode und Dr. Raul Taras von der Wirtschaftskanzlei Görg begleiten den Sanierungskurs gemeinsam mit Thomas Montag von der Unternehmensberatung Montag & Montag. Die gerichtliche Aufsicht im Sinne der Gläubiger übernimmt Nadja Raiß von der Sozietät K&L Gates, die als vorläufige Sachwalterin bestellt wurde. Geschäftsführer Martin Picard erklärt zu dem weiteren Vorgehen: „Wir gehen mit klarem Fokus in diese Verfahren. Die konkreten Schritte erarbeiten wir jetzt gemeinsam mit den Restrukturierungsexperten“.
Zweites Insolvenzverfahren des Unternehmens in nur wenigen Jahren
Für das traditionsreiche Unternehmen aus dem Landkreis Offenbach ist die aktuelle Eigenverwaltung nicht der erste Sanierungsschritt auf diesem Weg. Bereits während der Corona-Pandemie musste Picard ein Insolvenzverfahren durchlaufen, das sich über zehn Monate erstreckte und erst im März 2021 offiziell beendet wurde. Das Sortiment des Herstellers umfasst Handtaschen, Business-Taschen, Kleinlederwaren und Accessoires. Die Produkte werden sowohl im hessischen Stammwerk in Obertshausen als auch an Standorten in der Ukraine und in Bangladesch gefertigt, wobei das Unternehmen nach eigenen Angaben auf die Einhaltung definierter Sozial- und Nachhaltigkeitsstandards entlang der Lieferkette setzt.
















