Am ehemaligen Kaufhof-Gebäude in der Offenbacher Fußgängerzone stehen nach der vollständigen Freilegung der Sandsteinfassade die Vorarbeiten für eine umfassende Restaurierung an. Das architektonische Relikt aus dem frühen 20. Jahrhundert, das mit seinen Säulen, Bögen und Balustraden künftig in die moderne Aluminium-Glas-Gestaltung der neuen Station Mitte integriert wird, soll für das nächste Jahrhundert gesichert werden. In dem Gebäudekomplex wird die Stadtwerke-Tochter Station Mitte GmbH unter anderem der Stadtbibliothek auf vergrößerter Fläche einen neuen Standort bieten sowie Räumlichkeiten für den Einzelhandel bereitstellen. Zuletzt war am Eingang zur Herrnstraße nach der Demontage einer Aluminiumverkleidung ein weiteres Teilstück des historischen Gesteins hinter einer Mauer aus Ziegelsteinen entdeckt worden.
Bürgerschaft zeigt großes Interesse am Erhalt
Die Sichtbarmachung der alten Fassadenstruktur stößt in der Offenbacher Bevölkerung auf positive Resonanz. Stadtkämmerer Martin Wilhelm, der zugleich als Aufsichtsratsvorsitzender der Station Mitte GmbH fungiert, verweist auf die emotionale Bedeutung des Projekts für die Einwohnerschaft. „Es ist ganz offenkundig für viele Offenbacherinnen und Offenbacher eine Herzensangelegenheit, dass wir dieses Stück Stadtgeschichte erhalten“, sagt Martin Wilhelm. Der Stadtkämmerer ergänzt: „Immer wieder werde ich darauf angesprochen von Menschen, die sich einfach nur freuen, dass wir hier einen solchen Blickfang in der Fußgängerzone wiederentdeckt haben. Jetzt können wir mit der Reparatur beginnen.“
Behutsame Reinigung der historischen Bausubstanz erfolgt
Vor dem Start der handwerklichen Ausbesserungen wird zunächst eine Erfassung sämtlicher Beschädigungen am Gestein vorgenommen. Daran schließt sich eine schonende Säuberung des Materials an. René Weber, der gemeinsam mit Andreas Herzog die Geschäftsführung der Station Mitte GmbH bildet, erläutert den nächsten Schritt: „Bevor die Reparatur der Schäden in der Fassade beginnt, werden wir sie mit Bedacht reinigen“. Wie die Substanz aus dem frühen 20. Jahrhundert ohne Beschädigungen gesäubert werden kann, hat die Entwicklungsgesellschaft nach eigenen Angaben bereits an einer Testfläche erprobt. „Wie dies gelingen kann, ohne die Substanz aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts zu beeinträchtigen, haben wir bereits ausprobiert. Ein Fensterbogen wurde vorsichtig mit einem Wasserstrahl vom Schmutz der vergangenen 120 Jahre befreit“, erläutert René Weber. Die fachliche Begleitung der Maßnahme obliegt der Sandstein-Gutachterin Dr. Anette Ritter-Höll, die bereits zuvor in einer Expertise den guten und erhaltenswerten Zustand des Materials festgestellt hatte.
Schäden aus den Sechzigerjahren werden gezielt ausgebessert
Die operative Sanierung der Fassade sowie der gesamte Umbau des ehemaligen Warenhauses liegen in der Verantwortung des Generalübernehmers Fokus Development AG. Ein wesentlicher Teil der Reparaturen betrifft Spuren, die dem Gebäude in den 1960er Jahren bei der Umgestaltung zu einer typischen Kaufhof-Filiale zugefügt wurden. Damals trieben die Bauarbeiter für die Befestigung einer Verkleidung aus Aluminiumblechen Stahlträger direkt in den Sandstein, wodurch Abplatzungen und Löcher entstanden. Diese Fehlstellen sollen nun behutsam geschlossen werden. Helko Thoma, der gemeinsam mit Besim Tanriverdi bei der Offenbacher Projektentwicklungsgesellschaft als Projektleiter für den Umbau zuständig ist, beschreibt die Vorgehensweise im Detail: „Wir werden alle Schäden kartieren und an jeder Stelle einzeln entscheiden, was repariert werden muss und wie wir dabei vorgehen.“
Trotz des anstehenden Aufwands bewertet die Sachverständige Dr. Anette Ritter-Höll die Ausgangslage sehr positiv. „Der Gesamtzustand der Fassade ist gut“, betont Anette Ritter-Höll. Die Gutachterin fügt hinzu: „Es kommt heute kaum noch vor, dass eine so gut erhaltene Arbeit nach so langer Zeit wiederentdeckt wird“. Zu den dringenden technischen Aufgaben gehört nach Angaben der Expertin die funktionstüchtige Wiederherstellung der Wasserführung, um den Stau von Regenwasser am Gestein künftig zu verhindern. Rechtlich begünstigt wird die Sanierung dadurch, dass die Immobilie keinen formalen Denkmalschutz genießt. „Da das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht, haben wir größere Spielräume, die Fassade im Sinne des Gebäudecharakters zu erhalten und zu sanieren“, erklärt Anette Ritter-Höll. Ihr Ziel für die anstehenden Arbeiten formuliert die Spezialistin klar: „Die Reparatur der Fassade sollte man einmal richtig machen und dafür müssen wir den Stein verstehen“. Und sie ergänzt: „Danach soll die Fassade mindestens noch einmal 100 Jahre halten.“
Wechselvolle Baugeschichte über vier verschiedene Phasen
Dass die Front heute eine hohe Stabilität aufweist, ist der Materialwahl der Gebrüder Hasenbach zu verdanken, die beim Bau des ersten Gebäudeteils in der Frankfurter Straße 12 bis 14 im Jahr 1907 großen Wert auf die Gesteinsqualität legten. Der damals genutzte Sandstein stammt aus einem Steinbruch in Schlesien, der auch in der Gegenwart noch betrieben wird. Ein einfaches Nachbestellen und Austauschen von Steinen aus diesem Bruch ist laut Anette Ritter-Höll jedoch nicht möglich, da sich der Abbau mittlerweile in einer anderen Schicht befindet, was zu einer optisch sichtbaren Abweichung der neuen Charge führen würde.
Die heutige Gebäudekubatur und der Umstand, dass die historische Sandsteinfront nur einen Teil des Komplexes bedeckt, sind das Resultat von insgesamt vier Bauabschnitten. Nach dem Ursprungsbau von 1907 übernahm im Jahr 1929 die Leonhard Tietz AG – das Nachfolgeunternehmen war der Kaufhof – die Liegenschaft in der Frankfurter Straße 12 bis 16 und erweiterte das Gebäude bereits 1930 bis zur Hausnummer 16 inklusive der Sandsteinfront. Ende der 1950er Jahre ließ der Kaufhof im Zuge einer Vergrößerung und eines Dachumbaus die Natursteinelemente ab dem vierten Obergeschoss komplett entfernen und durch eine Betonkonstruktion ersetzen. Seinen abschließenden Grundriss erhielt das Warenhaus im Jahr 1966: Nach dem Erwerb des angrenzenden Eckgebäudes an der Frankfurter Straße 18 und Herrnstraße durch die Kaufhof AG wurde der Altbau abgerissen und an seiner Stelle ein moderner Betonanbau ohne Sandsteinelemente errichtet.
















