Offenbach schneidet im neuen Gemeindecheck des Instituts der deutschen Wirtschaft überraschend stark ab: Die Stadt kommt bundesweit auf Rang zwei. Nur Haar bei München liegt vor Offenbach, Frankfurt folgt direkt dahinter auf Platz drei. Das geht aus einer Auswertung der vom IW gemeinsam mit der Studie veröffentlichten Gemeindedaten hervor. Das Institut selbst hebt hervor, dass Offenbach zu den am besten versorgten Gemeinden in Deutschland zählt.
Damit liegt der lokale Befund deutlich über dem Bild, das die Stadt in vielen Debatten über soziale Lage, Kaufkraft oder kommunale Belastungen oft abgibt. Im Gutachten wird das sogar ausdrücklich erwähnt: Offenbach weise die geringste Pro-Kopf-Kaufkraft aller 400 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte auf, gehöre beim Zugang zu zentralen Angeboten der Daseinsvorsorge aber dennoch zur Spitzengruppe.
Starke Werte auch im Kreis Offenbach
Nicht nur die Stadt Offenbach schneidet gut ab. Eine Auswertung der mitveröffentlichten Rohdaten zeigt, dass auch zahlreiche Kommunen im Kreis weit vorne landen. Mühlheim erreicht Rang neun, Neu-Isenburg Platz 32, Langen Rang 76 und Dreieich Rang 79. Seligenstadt folgt auf Platz 96. Auch Heusenstamm, Obertshausen, Dietzenbach, Rodgau, Egelsbach, Hainburg, Rödermark und Mainhausen werden in den Daten noch der höchsten Bewertungskategorie „sehr gut“ zugeordnet.
Für die Region ist das ein bemerkenswertes Signal. Während in vielen Landesteilen längere Wege zu Arztpraxen, Schulen, Kitas oder kulturellen Angeboten den Alltag prägen, profitiert das Offenbacher Umfeld offenkundig stark von seiner dichten städtischen Struktur und der Lage im Ballungsraum Rhein-Main. Genau solche Agglomerationsräume beschreibt auch das Gutachten als besonders gut erreichbar und dicht versorgt. Offenbach und Mühlheim werden dort ausdrücklich als Beispiele genannt.
Gemessen wurden 17 Indikatoren
Der IW-Gemeindecheck untersucht nach Angaben des Instituts alle 10.817 Gemeinden in Deutschland. Grundlage sind 17 Indikatoren in fünf Bereichen: Digitales, Gesundheit, Mobilität, Freizeit und Bildung. Erfasst wurden unter anderem die Erreichbarkeit von Hausärzten, Krankenhäusern, Apotheken, Pflegeeinrichtungen, Grundschulen, weiterführenden Schulen, Gymnasien, Kitas, Schwimmbädern, Theatern und Museen sowie die Anbindung an Schienenverkehr, Autobahn und Flughafen. Hinzu kommen Mobilfunkabdeckung und Breitbandverfügbarkeit.
Berechnet wurden die Erreichbarkeiten laut IW auf Basis von 100-mal-100-Meter-Zellen des Zensus und anschließend zu einem Gesamtindex zusammengeführt. Das Institut weist zugleich darauf hin, dass der Index nur eingeschränkt Aussagen über Überfüllung oder die Qualität einzelner Angebote trifft. Es geht also vor allem um Nähe und Erreichbarkeit, nicht darum, wie gut etwa eine Schule, ein Krankenhaus oder eine Kita im Einzelfall aufgestellt ist.
Nicht nur Infrastruktur, sondern auch Wahrnehmung
Die Studie, die als Gutachten im Auftrag von Philip Morris veröffentlicht wurde, verbindet die objektiven Infrastrukturwerte zudem mit einer repräsentativen Befragung von 5.455 Menschen. Dabei bewerten 53 Prozent der Befragten ihre Daseinsvorsorge positiv, rund ein Viertel ist unzufrieden. Das IW leitet daraus ab, dass die Wahrnehmung der Versorgung vor Ort eng mit Vertrauen in Staat und Demokratie zusammenhängt.
Für Offenbach ist das Ergebnis deshalb doppelt interessant. Einerseits bestätigt es, dass die Stadt und ihr Umland im Alltag offenkundig besser aufgestellt sind, als ihr Ruf oft vermuten lässt. Andererseits zeigt der Blick in die Einzeldaten, dass die Stärke der Region vor allem in ihrer dichten Erreichbarkeit liegt: kurze Wege, viele Angebote, schnelle Anbindung. Gerade in einer Stadt wie Offenbach, die wirtschaftlich unter Druck steht und gleichzeitig stark wächst, ist das ein Befund mit Gewicht.
Bundesweit ein sehr ungleiches Bild
Im Deutschlandvergleich schneidet Nordrhein-Westfalen unter den Flächenländern am besten ab, während Mecklenburg-Vorpommern das Schlusslicht bildet. Zugleich zeigt das Gutachten ein klares Gefälle zwischen urbanen und ländlichen Räumen: Großstädte und verdichtete Regionen verfügen im Durchschnitt über die beste Versorgungslage, kleine Landgemeinden über die schwächste. Hessen fällt im ländlichen Vergleich positiv auf: Dort werden 44 Prozent der ländlichen Gebietseinheiten der höchsten Versorgungsstufe zugeordnet.
Für Offenbach bedeutet das unterm Strich: Die Stadt ist im neuen IW-Gemeindecheck nicht nur gut dabei, sondern ganz vorn. Und auch das Umland bestätigt, dass der Kreis Offenbach bei der Erreichbarkeit zentraler Angebote bundesweit zu den am besten versorgten Räumen gehört.
Was der Gemeindecheck nicht zeigt
Ein kritischer Punkt ist vor allem die Aussagekraft des Rankings selbst. Der IW-Gemeindecheck misst in erster Linie die Erreichbarkeit von Angeboten der Daseinsvorsorge – also etwa, wie nah Schulen, Kitas, Ärzte, Apotheken, Schienenanschluss oder kulturelle Einrichtungen liegen. Das ist für eine dicht bebaute Stadt wie Offenbach naturgemäß ein Vorteil. Weniger sichtbar wird dagegen, wie stark einzelne Einrichtungen ausgelastet sind, wie groß der Sanierungsbedarf ist, ob es Wartezeiten gibt oder wie die Qualität im Alltag tatsächlich erlebt wird. Das IW weist selbst darauf hin, dass der Index keine Aussagen über Überfüllung oder die konkrete Qualität einzelner Angebote trifft. Für Offenbach heißt das: Das sehr gute Abschneiden spricht klar für kurze Wege und eine hohe Angebotsdichte, ist aber noch kein Beleg dafür, dass im Alltag überall alles reibungslos funktioniert. Gerade in einer wachsenden, finanziell belasteten Stadt bleibt deshalb die Frage offen, ob die gute infrastrukturelle Ausgangslage dauerhaft mit dem tatsächlichen Bedarf Schritt hält.
















