Wie mehr Recyclingmaterial im Verkehrswegebau eingesetzt werden kann, war Thema eines Treffens am 12. Februar 2026 im „Circle“ in Offenbach. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) informierte sich dort gemeinsam mit Dr. Michael Güntner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Autobahn GmbH des Bundes, und Holcim-Deutschland-Chef Thorsten Hahn über Ansätze der sogenannten „Circular Infrastructure“.
Im Mittelpunkt standen Fragen, wie sich Kreislaufwirtschaft im Infrastruktur- und Verkehrswegebau stärker verankern lässt und welche Hürden dabei eine Rolle spielen.
Vier von fünf Baustoffen sind neu
Initiator Daniel Imhäuser bezifferte das Baustoffvolumen im Verkehrswegebau auf mehr als 400 Millionen Tonnen pro Jahr. Rund 100 Millionen Tonnen davon seien Recycling- und Ersatzbaustoffe. Daraus leitete er ab: „Jeder vierte verbaute Stein hat damit ein Vorleben – drei von vier Steinen sind jedoch noch neu.“
Als Vergleich wurde genannt, dass Länder wie die Niederlande beim Recyclinganteil bei knapp 50 Prozent lägen. Der „Circle“ versteht sich nach eigenen Angaben als Arbeitsraum mit mehr als 100 Expertinnen und Experten aus Planung, Bau und Recycling, um den Anteil in Deutschland über 25 Prozent hinaus zu erhöhen.
Minister kündigt Ausbau digitaler Planung an
Schnieder betonte in seiner Rede die Rolle von Politik und Wirtschaft bei der Umsetzung. Er verwies auf Technologien, die direkt an der Baustelle Schadstoffe trennen und Transportwege reduzieren sollen. Wörtlich sagte er: „Ob bei Straßen- oder bei Schienenvorhaben: Der Aspekt der Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle. Wir müssen den Rohstoffverbrauch reduzieren und mehr Sekundärbaustoffe einsetzen, um zuverlässig und ressourcenschonend zu bauen, ohne dabei die Qualität zu vernachlässigen“.
Der Minister kündigte zudem an, Digitalisierung und Building Information Modeling (BIM) konsequent auszurollen. Digitale Bauwerksmodelle sollen Materialeinsatz und Stoffströme über den Lebenszyklus hinweg nachvollziehbar machen – vom Einbau bis zu einem möglichen Rückbau. Als Ziel wurde genannt, Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und nachhaltiges Bauen strukturell zu verankern.
Autobahn GmbH verweist auf Pilotprojekte
Güntner stellte die drei Säulen der Autobahn GmbH als Netzverfügbarkeit, Nutzerorientierung und Nachhaltigkeit vor und ordnete die Dimension der Aufgabe mit Blick auf das Autobahnnetz ein: 13.000 Kilometer Autobahn seien das „physische Fundament“ der deutschen Volkswirtschaft. Zudem wurde auf Zahlen zum Bausektor verwiesen: Rund 60 Prozent des gesamten Abfallaufkommens in Deutschland entfielen demnach auf den Bausektor; weltweit verantworte die Bauindustrie etwa 40 Prozent des Ressourcenverbrauchs.
Als Beispiele aus Pilotprojekten nannte Güntner Sanierungsmaßnahmen, bei denen Emissionen um über 70 Prozent reduziert worden seien, nachdem CO₂ als Zuschlagskriterium berücksichtigt wurde. Außerdem wurde beschrieben, dass Kaltrecyclinganlagen direkt an der Baustelle tausende Lkw-Fahrten einsparen könnten und Asphaltgranulat heute zu bis zu 90 Prozent ohne Qualitätsverlust wiederverwendet werden könne. Künftig sollten digitale Materialpässe dokumentieren, welche Ressourcen in Bauwerken gebunden sind.
Güntner machte zugleich auf Hemmnisse aufmerksam: Regulatorische Unsicherheiten, Dokumentationspflichten und hohe Deponiekosten führten teils dazu, dass Materialien nicht im Kreislauf blieben. Die Autobahn GmbH sei bereit für Pilotprojekte, die sich später übertragen lassen.
Debatte über Regeln und Anerkennung von Wertstoffen
Aus der Bauwirtschaft wurde Kreislaufwirtschaft auch als wirtschaftlicher Faktor eingeordnet. Helena Fischer vom Bauindustrieverband Hessen-Thüringen sagte: „Zirkuläres Bauen ist keine Ideologie, sondern eine Frage der Wirtschaftlichkeit“. In dem Zusammenhang wurde argumentiert, dass Sekundärrohstoffe Abhängigkeiten von volatilen Primärrohstoffmärkten verringern und Lieferketten stabilisieren könnten.
Björn Simon, Bundestagsabgeordneter und verkehrspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, verband das mit Forderungen an Regelwerke und Verfahren. Er sagte: „Wir werden im innerdeutschen Verkehrssektor bei Schiene, Straße und Wasserwegen viele Maßnahmen des Aus- und Neubaus sehen, sprich die Zahl der Baustellen wird zunehmen. Das ist essenziell für die Fortentwicklung und Modernisierung unserer Verkehrsinfrastruktur. Die Kreislaufwirtschaft spielt dabei eine wesentliche Rolle, da sie nicht nur ein ökologisches Zusatzprojekt darstellt, sondern eine strategische Frage der Rohstoffsicherung, der Bezahlbarkeit und Stärkung der Unabhängigkeit unseres Landes ist. Wir müssen Recyclingbaustoffe endlich als gleichwertige Wertstoffe anerkennen, Genehmigungs- und Vergaberegeln praxistauglich anpassen und Innovationen schneller in die Fläche bringen. Nur so schaffen wir eine moderne, resiliente und zugleich nachhaltige Verkehrsinfrastruktur.“
Thomas Reimann, Präsident des Verbands baugewerblicher Unternehmer, griff einen Punkt daraus auf und sagte: „Wertstoffe dürfen nicht mehr als „Abfall“ bezeichnet werden.“
Diskussion über „Road to Circular Infrastructure 2030“
Im Panel „Road to Circular Infrastructure 2030“ ging es nach Angaben der Veranstalter darum, wie Recyclingbaustoffe stärker in Ausschreibungen verankert, Genehmigungsunsicherheiten abgebaut und Innovationen schneller in die Praxis gebracht werden können. Als gemeinsamer Tenor wurde formuliert, dass Technik und digitale Werkzeuge vorhanden seien – entscheidend sei nun die Zusammenarbeit zwischen Bauherren, Bauwirtschaft, Industrie und Politik.
















