Ab Anfang 2026 können Besucherinnen und Besucher im Capitol Theater eine virtuelle Reise in die Vergangenheit antreten: Eine digitale Rekonstruktion ermöglicht es, die ehemalige Offenbacher Synagoge in ihrer ursprünglichen Gestalt zu erleben. Die Stadtwerke-Tochter präsentiert das Angebot genau 87 Jahre nach der Reichspogromnacht – und macht damit ein bedeutendes Kapitel der Stadtgeschichte sichtbar, das im öffentlichen Bewusstsein weitgehend verblasst war.
Capitol-Geschäftsführerin Birgit von Hellborn betont die Besonderheit des Ortes: „Daher eignet sich das Capitol Theater besonders dazu, die ursprüngliche Gestalt der Innenräume und deren Ausstattung virtuell wieder sichtbar zu machen.“ Mit der neuen Technik sollen historische Räume erfahrbar werden, die trotz nationalsozialistischer Zerstörungen in Teilen erhalten geblieben sind.
Idee entstand nach Besuch einer Ausstellung
Von Hellborn und Jens Eichhöfer entwickelten die Projektidee nach einem Besuch im Hochbunker im Frankfurter Ostend, wo eine Ausstellung der Initiative 9. November auf digitale Rekonstruktionen zerstörter Synagogen setzt. „Dass so etwas technisch funktioniert, hätte ich vorher nicht für möglich gehalten“, sagt sie. Die virtuelle Darstellung habe zudem gezeigt, wie wenig über das ursprüngliche Erscheinungsbild des Offenbacher Gebäudes bekannt sei.
Der Verein „Freunde des Capitol Theaters Offenbach e.V.“ griff den Impuls auf und setzte das Vorhaben um. Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke würdigt dieses Engagement: „So konnte durch Dr. Ing. Marc Grellert und seiner Architectura Virtualis GmbH, der Technischen Universität Darmstadt sowie der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt eine detailgetreue digitale Nachbildung der Synagoge entstehen.“ Die virtuelle Rekonstruktion basiere auf historischen Plänen, Fotografien und wissenschaftlicher Expertise und gebe dem Gebäude „ein Stück seiner Würde zurück“.
Digitale Nachbildung im Capitol erlebbar
Am 10. November stellten die Beteiligten das Ergebnis Vertreterinnen und Vertretern der Stadt, der Jüdischen Gemeinde, des Landesverbandes jüdischer Gemeinden sowie Gästen aus Politik und Kultur vor. Unter ihnen war auch Sybille Rafael, Enkelin des Synagogen-Architekten Fritz Schwarz.
Der Film mit 3D-Ansichten wird ab Anfang 2026 im Eingangsbereich des Capitols zugänglich sein. Besucherinnen und Besucher können von der Kuppel bis zu den kunstvollen Details die Atmosphäre des Gotteshauses erleben. Eine kurze Führung vermittelt geschichtliche Hintergründe und ordnet den digitalen Rundgang ein.
Finanziert wurde das Projekt durch die Dr. Marschner-Stiftung und zahlreiche weitere Unterstützer. „Ohne diese großzügige Unterstützung wäre das Vorhaben nicht zu verwirklichen gewesen“, erklärt Dr. Thomas Lanio, Vorsitzender des Vereinsvorstands. Aufsichtsratsvorsitzender Martin Wilhelm dankte allen Förderern: „Dank der gemeinsamen Kraft vieler Unterstützer können wir heute die Synagoge virtuell wieder erlebbar machen.“
Bedeutung der Offenbacher Synagoge
Die Synagoge an der Goethestraße wurde 1916 geweiht und war ein Zentrum des liberalen Judentums. Sie zeichnete sich durch eine ungewöhnliche Architektur aus, die sich an der griechisch-römischen Antike orientierte. In Offenbach wurde zudem mit Regina Jonas die erste Rabbinerin der Geschichte ordiniert.
Während der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge verwüstet, jedoch nicht zerstört. Die nationalsozialistische Führung nutzte das Gebäude ab 1940 als Kino und Theater. 1954 ging es in den Besitz der Stadt über – mit der Auflage, es ausschließlich für kulturelle Zwecke zu nutzen. Aus dieser Vorgabe entwickelte sich das heutige Capitol Theater.
Angebot soll künftig erweitert werden
Henryk Fridman vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde betont die gesellschaftliche Bedeutung: „Mit der virtuellen Rekonstruktion der Offenbacher Synagoge wird nicht nur ein bedeutendes Stück Bau- und Kulturgeschichte gewürdigt, sondern auch ein Zeichen gegen das Vergessen gesetzt.“
Langfristig planen die Projektbeteiligten, auch VR-Brillen einzusetzen. So sollen insbesondere Schulklassen die Möglichkeit erhalten, die Synagoge von 1916 immersiv zu erkunden.
Das Capitol Theater knüpft mit dem Projekt an seine historischen Wurzeln an und verbindet Vergangenheit, Gegenwart und moderne Vermittlungsformen.
















