Offenbach und Wein – das klingt erst mal wie zwei Welten. Wer an Reben denkt, hat meist Rheingau oder Mosel im Kopf. Offenbach dagegen: Lederstadt, Industriegeschichte, Kreativszene. Und doch wächst ausgerechnet hier, im Stadtteil Rumpenheim, Jahr für Jahr Wein. Nicht als Folklore, nicht als Marketing-Gag, sondern aus einer Familiengeschichte heraus – und aus einer überraschend alten Spur im Boden.
Ein Flurname, der Fragen aufwarf
Der Anfang liegt mehr als drei Jahrzehnte zurück. Damals kaufte Wolfgang Gibbert einen Schrebergarten in Rumpenheim – und stolperte über einen Namen, der neugierig machte: „In den Weingärten“. Wer so etwas liest, fängt entweder an zu schmunzeln oder nachzuhaken. Bei den Gibberts wurde daraus das eine wie das andere – und vor allem ein echter Rechercheimpuls.
Die Familie suchte nach Antworten und stieß dabei auf eine historische Quelle, die man in Offenbach nicht unbedingt erwartet: Eine Schenkungsurkunde aus dem Jahr 770 erwähnt einen „Weingarten im Maingau, und zwar in Rumpenheim“, der dem Kloster Lorsch überlassen wurde. Für die Gibberts war das der Moment, in dem aus einem Gartenstück eine Idee wurde – und aus der Idee ein Projekt mit langen Wurzeln.
Mosel-Wurzeln, Rumpenheimer Boden
Dass diese Idee nicht nur ein Gedankenspiel blieb, hängt auch mit der Herkunft zusammen: Wolfgang Gibbert stammt von der Mosel und aus einer Winzerfamilie. Wein ist in dieser Familie nicht Hobby, sondern Handwerk und Tradition – inzwischen in siebter Generation, die achte steht bereits bereit. Und weil man hier weiß, was Reben brauchen, fiel in Rumpenheim irgendwann eine klare Entscheidung: Raus mit Gemüse und Kräutern, rein mit Weinstöcken.
So wurde eine alte Spur im Flurnamen plötzlich wieder sichtbar. Nicht in einem Buch, sondern als echte Zeile Reben am Main. Nach rund 1200 Jahren, so erzählen es die Gibberts, wurde die Weinbautradition in Offenbach damit neu belebt.
Der Rumpenheimer Weingarten am Main
Der Weingarten liegt im Offenbacher Stadtteil Rumpenheim, zwischen Fechenheimer Straße und Mainkurstraße, unweit des Mains. Wer dort vorbeikommt, merkt schnell: Das ist kein Show-Weinberg. Stefan Gibbert, Sohn von Wolfgang Gibbert, spricht selbst von viel Handarbeit, Liebe zur Lage – und einem Ansatz „ohne viel Schnickschnack“. Genau dieses Understatement passt erstaunlich gut zu Rumpenheim: bodenständig, eigen, ein bisschen stolz – und dann doch immer wieder für eine Überraschung gut.
Die Reben in Rumpenheim stehen dabei in einem spannenden Kontrast zu den steilen Hängen an der Mosel, die die Familie ebenfalls bewirtschaftet. Zwei Regionen, zwei Landschaften, zwei Handschriften – und am Ende Weine, die sich genau aus diesen Gegensätzen ihren Charakter holen.
Rivaner aus Offenbach – Jahrgang 2025 ist da
In Rumpenheim wächst ein Rivaner, aus dem frische, halbtrockene Weine entstehen. Der neue Jahrgang 2025 ist abgefüllt und ab sofort verfügbar. Das ist, wenn man so will, die charmanteste Pointe der ganzen Geschichte: Ein Wein, der nicht irgendwo „regional“ genannt wird, sondern tatsächlich aus Offenbach kommt – aus einem Stadtteil, den viele eher mit Schlosspark, Mainufer und Fachwerk-Idylle verbinden als mit Weinreben.
Und wer ein bisschen Lokalgeschichte mit nach Hause nehmen will: Zu dieser Geschichte gehört auch der Hinweis auf den Lorscher Kodex, in dem die frühe Erwähnung dokumentiert ist. Eine Erinnerung daran, dass Rumpenheim nicht nur hübsch am Main liegt, sondern auch historisch zu den ältesten Gemeinden im Rhein-Main-Gebiet zählt.
Weinfest, Sundowner und Offenbachs einzige Straußwirtschaft
Dass der Rumpenheimer Wein über den Rebstock hinaus Teil des Stadtteil-Lebens ist, zeigt sich vor allem in den Sommermonaten. Dann wird der Ortsteil regelmäßig zur kleinen Wein-Adresse: Im Weingarten findet alle zwei Jahre ein Weinfest statt. Und in den warmen Monaten gibt es an der Mainkurstraße zudem einen „Sundowner“, bei dem sich Menschen aus Offenbach treffen – am Rand des Viertels, an der Friedhofsmauer, mit einem Glas Wein in der Hand. „Offenbachs einzige Straußwirtschaft“ wie Stefan Gibbert betont. Wer einmal dort war, versteht schnell, warum das funktioniert: Es ist kein aufgesetztes Event, sondern eher ein unkompliziertes Zusammenkommen, wie es in Stadtteilen mit starkem Kern eben passiert.
Eine kleine Offenbacher Sensation – und ein ziemlich guter Gedanke
Vielleicht ist das das Schönste an dieser Rumpenheimer Weingeschichte: Sie ist nicht großspurig, sondern ehrlich. Ein Garten, ein Flurname, eine Recherche, ein historischer Fund – und am Ende ein Wein, der zeigt, dass Offenbach mehr kann, als viele ihm zutrauen. Lederstadt, ja. Kreativstadt, sowieso. Und eben auch: ein Ort, an dem man ein Stück Geschichte ins Glas bekommt.
Offenbach kann überraschen. Rumpenheim erst recht.
















